07
Nov

Der freie Sitzplatz im Bus

Amirullah Rajabzada kommt mit Renate Moser-Luger, die den Kontakt eingefädelt hat, zu mir nach Hause. Wir möchten über seine Erfahrungen beim Berufsorientierungslehrgang des Diakoniewerks sprechen, um darüber in den Gemeindenachrichten berichten zu können. Und ja, wir sprechen über den Lehrgang. Aber was mich wirklich berührt, sind die Themen, die abseits davon im Gespräch auftauchen. Nämlich, wie es sich wohl anfühlen muss, ausgegrenzt zu sein und abgelehnt zu werden.

Amirullah sitzt mir am Esstisch gegenüber. Tee hat er freundlich abgelehnt, aber ein Glas Wasser ist ok. Die Nussschnecken bleiben unangetastet, erst am Schluss sagt er, dass er Süßes nicht so mag. Hätte ich bloß was anderes vorbereitet…

Ja, der Berufsorientierungslehrgang, „das ist eine Chance“, sagt Amirullah. Eine Chance, noch besser Deutsch zu lernen. In einem Bereich Erfahrungen zu sammeln, in dem er gern tätig ist: Mit Menschen mit Beeinträchtigungen, die er gern unterstützt. Zudem kann er vom Unterricht profitieren – neben Deutsch gibt es auch Stunden in Kochen, Pädagogik, Psychologie, Musik, Kreativität.

Zuhause, in Kundus, im Norden Afghanistans, hat er ein Gymnasium absolviert und wurde zum Labortechniker ausgebildet. Ein Jahr lang hat er im Krankenhaus Blut und Urin und andere Substanzen analysiert. Dann ist er geflohen. Hat Mutter, Bruder, Schwester dort zurückgelassen, in einer Stadt, die bekannt ist für die besten Melonen Afghanistans, bis 50 Grad Hitze im Sommer und dafür, dass sie immer wieder Ziel für die Taliban-Kämpfer ist, die dort im Herbst 2015 für einige Zeit eine Schreckensherrschaft errichteten, bis die Stadt wieder unter staatliche afghanische Herrschaft kam.

Kundus, Afghanistan – die Kultur ist so unvorstellbar anders als in Mitteleuropa… Amirullah berichtet von Missverständnissen in der Klasse beim Orientierungslehrgang. Da sind Österreicherinnen und Österreicher, fünf Asylwerber und einige Europäer durchgemischt. Oder eben nicht durchgemischt, denn sie sitzen zwar in einer Klasse, aber die Gruppen bleiben mehr oder weniger unter sich, was er sehr schade findet. Warum das so ist? Er denkt lange nach, ich habe den Eindruck, dass er mit sich ringt, ob er das sagen darf. Dann, mit einem fast entschuldigenden Lächeln: „In Afghanistan ist das nicht möglich, dass ich als Mann mit einer Frau spreche und ihr dabei in die Augen sehe. Ich muss da zu Boden schauen oder an der Frau vorbei. Ich habe in Kundus eine Ausbildung als Labortechniker gemacht, da war ich an der Universität, da hat es schon auch Frauen gegeben. Aber man darf ihnen als Mann nicht ins Gesicht sehen.“ Er musste das bei uns erst lernen, und er möchte im Lehrgang in der Klasse darüber sprechen. – Dass es für ihn keine Selbstverständlichkeit ist, sich mit einem Mädchen zu unterhalten und ihr dabei ins Gesicht zu sehen.

Dann überlegt er wieder. Er hat einen Wunsch, sagt er. Und lächelt wieder. Er wünscht sich, dass ihn die Österreicher sympathisch finden und nett. „Es gibt unter den Flüchtlingen Leute, die schlecht arbeiten. Aber es gibt noch viel mehr, die gut sind und Gutes wollen. Es gibt überall auf der Welt gute und schlechte Menschen. Ich wünsche mir, dass die Österreicher sehen, dass es viele gute Menschen unter den Flüchtlingen gibt.“

Zum Schluss berichtet er über eine Erfahrung, die er schon mehrmals gemacht hat. Er fährt mit dem Bus oder der Straßenbahn in Linz. Er hat einen Sitzplatz, der Platz neben ihm ist frei. Der Bus füllt sich mit Leuten. Der Platz neben ihm bleibt frei. „Niemand möchte neben mir sitzen.“ Ich frage lieber nicht, welche Gefühle das in ihm auslöst. Aber ich sehe die tiefe Traurigkeit in seinen Augen.

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