10
Jan

„Kinder lernen eben schnell“

Abdul ist elf Jahre alt, sein Bruder Jusef zehn. Beide gehen in die Schule, der dreijährige Bruder Ali in den Kindergarten. Während sich die älteren Brüder anfangs mit Deutsch noch schwer taten, lernt der Kleine im Kindergarten automatisch und ohne Mühe. Auch zur Überraschung der Brüder, aber: „Kinder lernen eben schnell“, wie Abdul neidvoll seufzend bemerkt…

Mit ihren Eltern Abdulkarim und Maryam sind die Brüder vor 16 Monaten von Mossul im Norden des Irak nach Österreich gekommen. „Mit einem kleinen Boot“, wie Jusef erklärt, und Vater Abdulkarim ergänzt: „Danach waren wir 17 Tage zu Fuß unterwegs, durch Griechenland, Mazedonien, Ungarn, dann kamen wir nach Thalheim und schließlich nach Engerwitzdorf.“ Das Ziel der Flucht war „Europa. Denn hier gibt es Sicherheit und Freiheit und für meine Söhne eine Zukunft“, sagt Abdulkarim.

In Mossul ist die Lage furchtbar, seit der Islamische Staat 2014 dort die Herrschaft übernommen hat. „Maryam und ich haben 2004 geheiratet. Wir sind damals überall gemeinsam hingegangen und konnten uns frei bewegen. Unter dem IS musste Maryam plötzlich Burka und Handschuhe tragen, kein Stückchen Haut durfte zu sehen sein. Schließlich ist sie gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, es war einfach zu gefährlich.“

In Mossul war Abdulkarim Sportlehrer, er studierte Maschinenbau und arbeitete auch für eine Telefongesellschaft. Die Familie hatte ein eigenes Haus. „Mir ist es aber egal, was ich besitze“, sagt Abdulkarim. „Ich weiß gar nicht, ob unser Haus heute überhaupt noch steht, der IS hat alles genommen. Es gibt keinerlei Kontakt dorthin.“ Zurzeit nimmt Abdulkarim am Berufsorientierungslehrgang des Diakoniewerks teil, er arbeitet sehr gern mit Menschen mit Beeinträchtigung und würde nach dem Integrationsjahr gern eine Ausbildung in diese Richtung machen.

Maryam war bei der Heirat erst 18 Jahre alt und hat dann bald das erste Kind bekommen, sodass sie in Mossul Hausfrau und Mutter und nicht erwerbstätig war. Sie besucht derzeit einen Deutschkurs und würde später sehr gerne beruflich etwas mit Kindern oder alten Menschen machen.

Für die beiden aufgeweckten älteren Brüder war die Einschulung in Engerwitzdorf nicht ganz leicht. Die Lehrerin versuchte anfangs, sich auf Englisch mit ihnen zu verständigen, das können die Kinder aber natürlich auch nicht wirklich gut. „Dann haben wir extra Deutsch-Unterricht bekommen“, erzählt Abdul, „siebenmal die Woche, jeden Tag eine Stunde“. „Nach fünf Monaten haben wir dann schon ganz gut verstanden“, ergänzt Jusef, „nur der Dialekt – der ist echt schwierig!“ Jusefs Lieblingsgegenstände in der Schule sind Werken, Turnen und Zeichnen, außerdem fotografiert er gerne. Abdul zeichnet gerne und gut, aber auch Mathematik liegt ihm. Die ersten beiden Jahre in der Schule bekommen sie keine Noten und können trotzdem aufsteigen. Abdul hat im vergangenen Herbst von der Volksschule in die Neue Mittelschule in Gallneukirchen gewechselt, mit ihm sein Volksschul-Freund Julian, der ihn – unter anderem in Informatik – ein bisschen unterstützt.

Freundschaften haben sich in der Klasse schnell entwickelt, sobald die Sprachbarriere überwunden war. Natürlich gibt es auch Schüler in der Klasse, die „mit Asylanten“ nichts zu tun haben möchten. „Aber das sind wirklich wenige, und wir lassen sie einfach. Wir beachten das nicht“, sagen Abdul und Jusef.

Was würden sie sich wünschen? „Einfach, dass wir einen Asylbescheid bekommen“, sprudelt Jusef heraus.

„Wir möchten hier bleiben“, sagt Abdulkarim. „Egal, ob wir arm oder reich sind. Aber es gibt hier Sicherheit und Freiheit. Und im Irak wird noch lange Krieg herrschen.“

Im Bild von links nach rechts: Abdulkarim mit Ali, Jusef, Maryam und Abdul

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