08
Jul

Marianne und Ayaz

„Ayaz“ bedeutet: Die trockene, strenge Kälte während der hellen Winternächte.
Ayaz ist: ein gerade eben zwanzig Jahre alt gewordener junger Paschtune, der seine Mutter, seine beiden Schwestern, seinen Bruder in der afghanischen Stadt Kunar an der Grenze zu Pakistan zurückgelassen und zu Fuß den langen Marsch nach Österreich angetreten hat. Wo er in Engerwitzdorf gelandet ist. Und bei Marianne. Im Haus Abendfrieden.

Sie sind ein ungleiches Paar, auf den ersten Blick. Marianne und Ayaz. Marianne sitzt seit einem Schlaganfall im Rollstuhl. Sie musste danach manches mühsam wieder erlernen. Ayaz konnte kein Wort Deutsch, als er zum ersten Mal im Haus Abendfrieden der Diakonie auftauchte. „Ein extrem schüchterner junger Mann“, wie sich Alexandra Ausserwöger, Leiterin des Bereichs Wohnen und Koordinatorin der Ehrenamtlichen im Haus Abendfrieden an die erste Begegnung im November vergangenen Jahres erinnert. „Und jetzt? Schauen Sie ihn sich an!“ Da sitzt er und strahlt über das ganze Gesicht.

Marianne hat ihm in den letzten Monaten mit einem Buchstabenspiel die lateinischen Buchstaben beigebracht und gleich auch noch die wichtigsten Wörter, und damit auch selbst eine Herausforderung angenommen. Ob sie skeptisch war, als sie Ayaz das erste Mal gesehen hat? „Ach! Überhaupt nicht! So ein netter junger Mann, wirklich! So offen, herzlich, gütig! Und so gescheit, der hat sich ja die Buchstaben viel schneller gemerkt als meine Kinder damals!“

Im Haus Abendfrieden hat Ayaz eine sinnvolle Beschäftigung gefunden, die er als Freiwilliger einmal die Woche, mit großem Engagement und inzwischen erstaunlich guten Deutsch-Kenntnissen ausfüllt. Vormittags unterstützt er allgemein, packt überall mit an, nachmittags geht er mit den Senioren spazieren, beschäftigt sich mit Marianne. „Wir sind froh, dass wir ihn haben“, sagt Ausserwöger, „alle hier im Haus haben eine große Freude mit ihm. Er begegnet unseren Senioren hier mit sehr viel Wertschätzung, das findet man bei jungen Menschen heute eigentlich nur noch sehr selten.“

„Ich habe in Afghanistan zwei Jahre lang im Krankenhaus geholfen, das ist da üblich. Deshalb weiß ich, was zu tun ist“, sagt er. „Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung, die ich in Österreich bekomme. Und ich möchte etwas zurückgeben, ich möchte die Ausbildung zum Altenbetreuer machen und wünsche mir sehr, hier in Gallneukirchen arbeiten zu dürfen.“

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Ayaz hatte noch kein Gespräch am Bundesasylamt. Bis er einen – wie auch immer gearteten – Bescheid bekommt, können noch Monate vergehen. Und viele helle Winternächte ins Land ziehen.

You are donating to : ZiEL - Zusammen in Engerwitzdorf Leben

How much would you like to donate?
€10 €20 €30
Would you like to make regular donations? I would like to make donation(s)
How many times would you like this to recur? (including this payment) *
Name *
Last Name *
Email *
Phone
Address
Additional Note
paypalstripe
Loading...