06
Aug

„Maysoun ist eine sehr, sehr starke Frau“

Maysoun kommt aus Libyen. Maysoun hat Medizin studiert. Maysoun hat einen Mann und vier Kinder. Und einen Amigo: Katharina. Und Katharina sagt: Maysoun ist eine sehr, sehr starke Frau.

Es folgt: Ein Interview mit Maysoun und Katharina, zwei nicht nur äußerlich sehr unterschiedlichen Frauen, die mit größtem Respekt und aus vollem Herzen eine Freundschaft fürs Leben geschlossen haben.

Wie habt ihr eigentlich zueinander gefunden?

Katharina: „Ich studiere an der Fachhochschule Soziale Arbeit und habe dafür ein Praktikum gesucht. Da das Flüchtlingsthema gerade sehr präsent war, habe ich mit der Diakonie Kontakt aufgenommen, und diese hat mir ein Praktikum vermittelt: eben die Begleitung von Maysoun und ihrer Familie.“

Maysoun (sprich: Mejsún): „Als ich Katharina das erste Mal gesehen habe, habe ich gesagt: ‚Oh, sie ist so jung!‘ Die Dame von der Diakonie hat uns gesagt, dass uns eine Frau besuchen würde. Aber eine Frau ist in Libyen jemand, der verheiratet ist und älter. Aber Katharina ist ja praktisch noch ein Mädchen! Ich habe Angst gehabt vor Katharina. Wir waren ganz neu hier, ich habe vieles noch nicht verstanden. Ich habe geglaubt, sie will uns die Kinder wegnehmen. Aber dann, plötzlich, war die Angst weg und ich habe gemerkt, dass Katharina sehr wichtig ist für uns.“

Katharina: „Ja, ich war auch unsicher am Anfang. Ich habe nicht gewusst, wie ich manches machen soll. Ist es zum Beispiel in der arabischen Kultur üblich, dass ich als Frau zur Begrüßung dem Mann von Maysoun die Hand gebe? Oder gehört sich das womöglich nicht? Das hat mich verunsichert. Dann habe ich beschlossen, dass ich einfach frage, wenn ich etwas nicht weiß, das hat mir geholfen.“

Maysoun: „Katharina ist wunderbar. Sie fragt immer: Geht das bei euch in eurer Kultur? In eurer Religion? Sie respektiert, dass da, wo wir herkommen, manches anders ist. Sie hat Verständnis und versteht auch unsere Gefühle. Das ist sehr wichtig.“

Wie funktioniert eure Amigo-Beziehung konkret?

Maysoun: „Katharina ist eine große Hilfe mit den Kindern. Sie spielt mit ihnen und kocht auch mit ihnen. Sie hat mich auch öfter im Krankenhaus besucht, als ich dort war. Sie hat uns, als wir noch in der Klammmühle waren, auch öfter mit dem Auto irgendwo hingebracht. Sie lernt auch mit unserem Ältesten, der schon in die Schule geht. Sie hilft mir beim Deutsch Lernen. Sie ist sehr nett!“

Katharina: „Ich finde es wichtig, einfach unterstützend dabei zu sein. Auch, keine falschen Hoffnungen zu schüren. Das sind erwachsene Menschen. Es ist wichtig, dass man ihnen nicht die eigenen Vorstellungen aufzwingt, sondern dass sie ihre Entscheidungen selbst treffen. Auch meine Mutter ist hier eine große Hilfe. Ich habe sie von Anfang an bei bestimmten Themen immer um Rat gefragt, und sie hat hier einfach durch ihre Lebenserfahrung viel beitragen können. Inzwischen besucht sie die Familie auch alleine und ist für Maysoun eine gute Ansprechpartnerin in Punkto Kinder, Schule und Frauenthemen.“

Maysoun: „Wir haben hier in Österreich keine Freunde, keine Familie. Katharina und ihre Mama sind hier wie eine Familie für uns. Katharina kommt und geht, aber hier (deutet auf ihr Herz) ist sie immer da.“

Katharina: „Das ist die eigentliche Motivation, warum ich das mache, denn das Praktikum ist ja längst vorbei, aber unsere Beziehung geht weiter: Man kriegt einfach etwas. Ich habe schon oft Stress, mit dem Studium, der Arbeit, – und dann noch Maysoun. Aber wirklich jedes Mal, wenn ich von ihr nach Hause fahre, denke ich mir: ‘Gut, dass ich da war!‘“

Maysoun, wie sieht dein Alltag derzeit aus?

Maysoun: „Ich arbeite bei Bedarf unentgeltlich in der Diakonie und im Therapiezentrum als Übersetzerin, und ich lerne ständig Deutsch. Ohne meinen Mann Said wäre das alles nicht möglich, er hat mich immer unterstützt und ermutigt, auch schon in Libyen. Ohne ihn wäre das alles nicht möglich.“

Katharina: „Mich hat das überrascht, dass Said viel Zeit mit seinen Kinder verbringt und Maysoun so unterstützt, da den arabischen Männern ja oft nachgesagt wird, dass sie zuhause nicht so viel machen. Said hat in Libyen eine Wirtschaftsausbildung gemacht, war Zollbeamter und bei der Polizei. Wir hoffen, dass er auch hier bei der Polizei arbeiten kann, denn derzeit werden hier Leute mit Migrationshintergrund und Fremdsprachenkenntnissen gesucht.“

Wenn ich einen Wunsch frei hätte…

Maysoun: „Einen Wunsch?!? Wenn ich einen Wunsch frei hätte…dann würde ich mir einen positiven Asylbescheid wünschen und dass ich mein Medizin-Studium fertig machen kann. Ich habe meine Zukunft hier gefunden, für mich und meine Familie. Als Frau bin ich hier freier als in Libyen. Wer hier in Österreich eine gute Ausbildung hat, der kann etwas erreichen. In Libyen ist das nicht selbstverständlich.“

Katharina: „Ich würde mir wünschen, dass die Leute Verständnis aufbringen. Viele Flüchtlinge kommen aus einer ganz anderen Kultur. Wir können uns ja gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn man von heute auf morgen in einem anderen Land lebt. Ich habe den Eindruck, dass manche Leute sich gar nicht in die Lage der Asylwerber hineinversetzen möchten. Das wäre für eine Integration aber sehr wichtig.“

Maysoun: „Ja, die Leute sollen das bitte verstehen: Wir sind auch Menschen. Manche Leute glauben, wir kommen wegen des Geldes. Sie verstehen nicht, dass wir die Heimat nicht gern verlassen haben. Und jetzt sind wir hier und dürfen nicht arbeiten. Mein Mann und ich würden nichts lieber tun, als selbst für uns und unsere Kinder aufzukommen!“

Maysoun, ihr Mann und ihre damals drei Kinder kamen vor zwei Jahren und drei Monaten in Österreich an. Die ersten Wochen verbrachten sie in Traiskirchen, dann wurden sie für fast ein Jahr nach Bad Kreuzen verlegt. Im Krankenhaus Amstetten bekam Maysoun ihr viertes Kind. Ihr Mann und die Kinder durften sie nicht im Krankenhaus besuchen, „die schwierigste Zeit für mich hier in Österreich“, wie sie sagt.

Derzeit besucht Maysoun einen Deutsch-Kurs auf Niveau B1 (fortgeschritten). Ihr fehlt zum Abschluss des Medizin-Studiums das letzte Jahr.

Maysoun und ihre Familie sind jetzt insgesamt seit zwei Jahren und drei Monaten in Österreich. Sie hatten noch keinen Termin am Bundesasylamt. „Wir haben immer Angst, weil wir nicht wissen, ob wir bleiben können.“

Maysoun wollte beim Interview nicht fotografiert werden. Wir respektieren diesen Wunsch.

 

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